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Kapitel 1: Mein Leben vor Turning Tables

Hi, Ich bin Rustam

Wer sich das nächste Mal bei seinem Besuch in der BMW-Welt stärken will, kann mich beim Tablett-Balancieren und Cocktails-Mixen bewundern – denn ich arbeite seit einigen Wochen als auszubildender Restaurantfachmann bei Feinkost Käfer.

Hi, ich bin Rustam

Ursprünglich komme ich aus Afghanistan, doch ich lebe nun schon seit knapp drei Jahren in München.
Obwohl ich mein Heimatland mit einer abgeschlossenen Ausbildung und gutem Abitur in der Tasche verlassen habe, konnte ich hier in Deutschland lange Zeit . Zu lange.

Mangelnde Deutschkenntnisse, fehlende Papiere, die Arbeitserlaubnis, die ich einfach nicht bekommen konnte – es gab viele, viele Dinge, die mich von einer Arbeit oder sinnvollen Beschäftigung abhielten.

Motivation war zu keiner Zeit das Problem.
Nur rumzusitzen, nichts zu tun und mein Potenzial zu verschwenden, war für mich kaum auszuhalten. Daran gehindert zu werden, für mich selbst aufzukommen und auf die Unterstützung anderer angewiesen zu sein, war absolut schrecklich.
Ich kam nach Deutschland, um mir hier eine Zukunft aufzubauen. Das war es, was ich von Anfang an tun wollte.
Und wie ich dieses Ziel, schließlich – endlich, dank Turning Tables und meiner Ausbildung bei Feinkost Käfer, mit festen Schritten ansteuern konnte, davon möchte ich Euch in diesem Blog erzählen.

Damals in Afghanistan

Aufgewachsen bin ich in Tagab, im Osten Afghanistans.
Dort ging ich aufs Gymnasium und schloss die Schule nach 12 Jahren mit dem Abitur ab. Danach begann ich eine Ausbildung als Elektriker, die aus eineinhalb Jahre Schule, sowie sechs Monaten Praktikum in einem Betrieb bestand. Nicht nur das Gymnasium, sondern auch die Ausbildung meisterte ich mit Bravour, und war unglaublich stolz darauf, zwei wichtige Abschlüsse zu haben.

Nebenher half ich viel bei der Arbeit meines Vaters aus. Er ist Arzt und hat eine eigene Praxis, mit einer angrenzenden Apotheke, die ihm auch gehört. Medizin interessierte mich, und so brachte er mir vieles beikonnte ich ihn regelmäßig in der Apotheke unterstützen. Der stetige Kontakt zu den Kunden machte mir Spaß, und hätte ich Afghanistan nicht verlassen, so hätte ich vielleicht irgendwann die Apotheke übernommen.

In meiner Heimat führte ich das Leben eines jungen Mannes aus gutem Hause; besaß einen Führerschein und ein eigenes Auto!

Meine Brüder und ich in meinem Heimatland Afghanistan

Wenn ich darüber nachdenke, so schien mein Leben vielversprechend und hoffnungsvoll. Ich hatte die nötigen finanziellen Mittel, sowie die Bildung und häusliche Unterstützung, um den Weg in eine aussichtsvolle Zukunft gehen zu können.
Es gab nur ein Problem: In meinem Land herrscht seit 40 Jahren Krieg.

Dieser Zustand ist dort so normal und alltäglich geworden, dass ich keinerlei Vorstellung davon hatte, wie ein Leben ohne Krieg überhaupt aussehen könnte.

Doch je älter ich wurde, desto bewusster wurde mir, dass der Krieg mich von jeglicher Normalität in meinem Leben fernhalten würde.
Dass es absolut unrealistisch war, darauf zu hoffen, dass er bald vorbei sein würde.
Dass ich Afghanistan verlassen musste, sollte ich jemals ein glückliches, sicheres Leben führen wollen. Ich hatte keine andere Wahl.

Und so floh ich. 41 Tage war ich unterwegs, bis ich schließlich im Januar 2016 in Deutschland ankam. Alleine, denn meine Familie konnte mir nicht folgen. Mein Vater wurde als Arzt dringend gebraucht und meine Mutter konnte und wollte ihn nicht alleine lassen. Meinen vier Brüdern ging es nicht anders. Die Älteren von ihnen hatten bereits eine Frau und Kinder, die Jüngeren gingen noch zur Schule. Sie alle führten ein geregeltes Leben in Afghanistan. Sie hatten Angst, alles zurückzulassen. Alles zu verlieren. Außerdem reichte das Geld nicht aus.
Mich hielt weniger zurück. Noch konnte ich mir aussuchen, wo ich mir mein Leben und meine eigene Familie aufbauen wollte. Die Antwort stand fest. In einem Land, in dem ich nicht jede Minute um mein Leben oder das Leben meiner Kinder fürchten musste.
Trotzdem fühlte es sich bei meiner Flucht so an, als hätte ich nicht nur eine, sondern gleich zwei Mütter zurückgelassen. Denn mein Heimatland Afghanistan ist für mich wie eine Mutter, die mich auch zu dem machte, was ich heute bin.

Meine Zukunft mit Perspektive

Wie meine Zukunft in Afghanistan wohl ausgesehen hätte?
Vermutlich hätte ich meine Karriere als Elektriker weiterverfolgt und einen Meister absolviert. Oder ich hätte die Apotheke meines Vaters übernommen.
Doch nicht weniger gering ist die Chance, dass mich auf dem Weg zur Arbeit oder zum Bäcker eine Bombe getroffen hätte. So wie es meinem Bruder passiert ist, der allerdings großes Glück hatte und mit einigen Verletzungen überlebte.
Die Wahrheit ist, ich habe keine Ahnung, wie mein Leben in Afghanistan ausgesehen hätte. Doch es ist sicher, dass ich mein Schicksal dort niemals vollkommen in meinen eigenen Händen gehalten hätte. Hier ist das anders.

Ich habe zum ersten Mal das Gefühl, dass es wirklich an mir liegt, meine eigene Zukunft zu gestalten und mir mein Leben aufzubauen.
Keine Soldaten, keine Bomben oder Raketen, die mich daran hindern.

Eine meiner ersten Erfahrungen als Restaurantfachmann: Beim Sommerfest in der Bayernkaserne

Herzlichen Dank an unsere Sponsoren, die UNO-Flüchtlingshilfe, die PIMCO foundation und das Münchner Beschäftigungs- und Qualifizierungsprogramm (MBQ) des Referats für Arbeit der Landeshauptstadt, die das Step-IN Programm ermöglicht haben.

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