Turning Tables
  • English
  • Deutsch

Kapitel 1: Mein Leben vor Turning Tables

Hi, Ich bin Mojtaba

Vor 13 Wochen habe ich das Berufsvorbereitungsprogramm “Step-IN” von Turning Tables begonnen.
Jetzt habe ich meine Ausbildung als Hotelfachmann bei Hotel Munich Airport angefangen.
Wenn mir das jemand vor drei Jahren erzählt hätte, als ich bei meiner Flucht, zitternd und an mein gekentertes Boot geklammert, mitten auf dem Meer, irgendwo vor Griechenland trieb – ich hätte ihm mit Sicherheit kein Wort geglaubt.

Ich in meiner Uniform, am ersten Tag meiner Ausbildung

Und doch bin ich nun hier. Wie alles dazu kam, was ich alles gelernt und erlebt habe, das werde ich Euch diesen Monat Schritt für Schritt erzählen. Also folgt mir, auf meiner Reise vom ziellosen Schulabgänger aus Kabul bis hin zum ehrgeizigen Azubi in München!

Damals in Afghanistan

Aufgewachsen bin ich mit fünf Brüdern und meiner Familie in Kabul, der Hauptstadt von Afghanistan. Sieben Jahre lang ging ich dort zur Schule; Samstag bis Donnerstag, jeden Tag von 13 bis 17 Uhr. Freitag war unser freier Tag.
Als ich 14 war, geriet mein älterer Bruder in einen furchtbaren Familienstreit. Er hatte sich in ein Mädchen verliebt, deren Familie einer anderen ethnischen Gruppe angehörte als wir: Sie waren Paschtunen, wir Hazara.

Für die Paschtunen sind wir Hazara nur eine Minderheit, weswegen die Liebe meines Bruders Schande auf die Familie des Mädchens warf. Ihre Tochter an einen Hazara verloren zu haben, bedeutete für die Familie, ihre Tochter für immer verloren zu haben.
Nachdem die Beziehung ans Licht kam, hörte mein Bruder mehrere Wochen nichts von seiner Freundin, wusste nicht was mit ihr geschehen war. Eines Tages kam die Nachricht: Sie war tot, von der eigenen Familie ermordet worden. Mit der Nachricht kam die Drohung, dass meinem Bruder das Gleiche widerfahren würde, sollte die Familie ihn noch ein weiteres Mal zu Augen bekommen.

In der afghanischen Kultur ist die Familie sehr wichtig. Wer Du bist, definiert sich nicht so sehr über Dich als Individiuum, sondern über Dich als Teil einer Familie. Das bedeutete, dass eine Drohung gegen meinen Bruder auch gleichzeitig eine Drohung gegen mich und jedes Mitglied meiner Familie war. Und so war der einzige Weg, um jemals wieder ohne Angst leben zu können, unsere Heimat zu verlassen.

Meine Brüder und ich in unserem Heimatland Afghanistan

Ich floh zusammen mit meinem Bruder in den Iran. Dort konnte ich, anders als bei meiner Flucht nach Deutschland, die Sprache der Einheimischen sprechen, und hoffte auf ein friedlicheres Leben in Sicherheit.
Im Iran werden Geflüchtete oftmals kritisch gesehen. Mehrmals wurden mein Bruder und ich auf der Straße schikaniert und verprügelt, bis uns schließlich die Polizei fand und zurück nach Afghanistan abschob.

Und so wurde ich nach meinem ersten Fluchtversuch gezwungen, wieder nach Afghanistan zurückzukehren.
Mein Heimatland, das mir keine sichere Zukunft bieten konnte.

Meine Zukunft mit Perspektive

Wie meine Zukunft in Afghanistan wohl ausgesehen hätte?
Ich weiß es nicht, denn bevor ich nach Deutschland kam, wusste ich nicht einmal was Ziele waren.

Die Situation dort erlaubt es Menschen nicht, Ziele zu haben. Kein Tag ist wie der nächste, nichts ist sicher. Da denkt man nicht über mögliche Karrierewege nach. Das einzige Ziel, das ich damals hatte – und auch noch immer habe – ist, dass meine Familie zusammen in Sicherheit leben kann. Leider sind wir momentan getrennt, verstreut auf der ganzen Welt. Meine Eltern zum Beispiel sind noch immer auf der Flucht, momentan leben sie in der Türkei. Es ist schon vier Jahre her, dass ich sie das letzte Mal gesehen habe.

Nun wohne ich alleine in einem Waisenhaus, hier in München. Manchmal sehe ich ein paar Verwandte; mein Onkel, mein Bruder und ein paar Cousins wohnen in der Nähe. Andere sind in England, USA oder anderen Teilen Deutschlands gelandet.
Oft denke ich an die Zeit zurück, als wir noch alle zusammen waren. Ich vermisse sie sehr.
Trotzdem bin ich froh hier zu sein. Jetzt ist mein größtes Ziel, hier in Deutschland zu bleiben und mir eine berufliche Zukunft aufzubauen.

Eine Ausbildung zu finden war ein unglaublich wichtiger Schritt in diese Richtung. Denn sie legt den Grundstein für eine langfristige, nachhaltige, gut integrierte Zukunft in Deutschland – meine Zukunft.

Der letzte Tag des Step-IN Programms, bei dem wir unsere Zertifikate übergeben bekommen haben.

Herzlichen Dank an unsere Sponsoren, die UNO-Flüchtlingshilfe, die PIMCO foundation und das Münchner Beschäftigungs- und Qualifizierungsprogramm (MBQ) des Referats für Arbeit der Landeshauptstadt, die das Step-IN Programm ermöglicht haben.

turningtablesproject

1 Comment

  1. Rafat
    Dienstag, der 11. September 2018
    Antworten

    Herzlichen Glückwunsch, Viel Glück

Schreibe einen Kommentar zu Rafat Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.