Turning Tables
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Kapitel 2: Mein Weg zum Ziel mit Turning Tables

Wie alles angefangen hat

Als ich zum ersten Mal von Turning Tables hörte, hatte ich keinerlei Beschäftigung.
Mein Tag bestand aus essen, singen, spazierengehen, und schlafen.
Doch das wollte ich unbedingt ändern. Es gefiel mir ganz und gar nicht, nur herumzusitzen und nichts dazu beitragen zu können, etwas an meiner Situation zu ändern.

Ich wollte etwas Sinnvolles tun und meine Zeit in Deutschland nutzen.

Ich beim Einführungskurs, durch den mir bewusst wurde, wie interessant ich die Gastronomie finde

In der Gastronomie hatte ich noch nie zuvor gearbeitet, hatte also keinerlei Erfahrung.
Eigentlich war mein Plan, auch hier in Deutschland eine Stelle als Elektriker zu finden. Dabei war ich leider nicht erfolgreich. Doch dann erzählte mein Betreuer mir von Turning Tables und deren Einführungs-Kurs. Die Teilnahme war kostenfrei und ich hatte mehr als genügend Zeit. Alles war besser, als nur in meiner überfüllten Unterkunft herumzusitzen und an meine zurückgelassene Familie in Afghanistan oder meine unsichere Zukunft in meiner neuen Heimat zu denken.
Ich dachte, dass es ja nicht schaden könnte, wenigstens herauszufinden, was Gastronomie in Deutschland eigentlich bedeutet. Was es hier für Berufe und Aufstiegsmöglichkeiten gibt. Wie das alles funktioniert und was man bei der Arbeit denn überhaupt macht. Es könnte ja nicht schaden, einfach einmal auszuprobieren, ob mir das nicht vielleicht sogar Spaß machen könnte.

Denn Arbeitsplätze gibt es in der Gastronomie zuhauf und auch Auszubildende werden händeringend gesucht.

Also ging ich zum dreitägigen Wochenendkurs, bei dem ich Antworten auf all diese Fragen bekam und viele leckere Gerichte mit vielen tollen Teilnehmern zubereitete. Gleich am ersten Tag lernte ich zum Beispiel Adil kennen, mit dem ich dann später zusammen das Step-IN Programm began.

Seien es Genauigkeit und Sorgsamkeit oder der offene, höfliche und zuverlässige Umgang mit Kunden – viele Fähigkeiten, die ich mir als Elektriker oder Apotheker angeeignet hatte, werden auch für die Gastronomie gebraucht. Und so war es eigentlich kaum verwunderlich, dass mir die Arbeit schnell gefiel.
Schlussendlich begeisterte der Kurs mich so sehr, dass ich unbedingt mehr lernen und weitermachen wollte. Adil ging es nicht anders. Also beschlossen wir, uns für das Step-IN Programm anzumelden, bei dem wir uns auf eine Ausbildung in der Gastronomie vorbereiten konnten.

Was ich bei Turning Tables gelernt habe

Ich bin ein sozialer Mensch und mag es, mit neuen Leuten ins Gespräch zu kommen.
Leider war das für mich in Deutschland nicht immer so einfach.
Wer die Sprache nicht gut kann, hat oftmals große Probleme und findet nur schwer aus dem Umfeld anderer Geflüchteter heraus. Das wiederum gestaltet die Integration in die Gesellschaft deutlich schwieriger und frustrierender. Besonders aber auch die Integration in den deutschen Arbeitsmarkt. Wer nicht als Tellerwäscher oder Schwarzarbeiter enden möchte, muss oftmals branchenspezifisches Deutsch können.

Im Deutschunterricht während des Step-IN Programms

Besonders in der Gastronomie ist es wichtig, spezielle Deutschkenntnisse zu haben. Man muss wissen, was man seinen Gästen serviert, wie die Zutaten im jeweiligen Gericht oder Getränk heißen und was von einem erwartet wird, wenn man die Buttermesser polieren soll.
Die richtigen Wörter und Namen zu kennen, ist nicht immer selbstverständlich. Egal ob es sich um Obst- und Gemüsesorten, oder Geschirr und Tischgedeck handelte, viele Dinge, die in der deutschen Gastronomie regelmäßig auftauchen, hatte ich noch nie zuvor gesehen. Manche existieren in meinem Heimatland nicht einmal. Dementsprechend waren mir zahlreiche Begriffe fremd. Der intensive, gastro-spezifische Deutschunterricht während des Step-IN Programms war daher von großem Wert für mich.

Doch die Vorbereitung, die wir im Step-IN Programm erhielten, deckte nicht nur wichtige theoretische Kenntnisse, sondern auch viele praktische Fähigkeiten ab.
Am meisten Spaß hat mir das Servietten-Falten gemacht. Mir gefällt es, aus einem einfachen, weißen Stück Stoff eine prachtvolle Rose, ein Schiff oder andere kunstvolle Formen zaubern zu können. Diese Fähigkeit hat sich auch gleich zu Beginn meiner Ausbildung als nützlich erwiesen. Um genauer zu sein, am allerersten Tag. Für meine Arbeit an der Bar sollte ich etwa 200 Servietten falten.
Dank meiner Zeit bei Turning Tables kein Problem.

Turning Tables – mehr als nur ein Trainingsprogramm

Step-IN war für mich das erste Mal, dass ich wieder regelmäßig aus meiner Unterkunft rauskam und etwas lernen konnte, das mich weiterbrachte. Natürlich besuchte ich regelmäßig Deutschkurse und war froh, auch hier immer mehr zu lernen. Doch was helfen einem die besten Deutschkenntnisse der Welt, wenn man keine Erfahrung in den Branchen hat, in denen Arbeitskräfte gesucht werden und die Erfahrung, die man für andere Branchen hat, hier nicht anerkannt wird?

Es fühlte sich gut an, endlich wieder aktiv an meiner beruflichen Zukunft zu arbeiten. Die Teilnahme am Programm erzeugte ein Gefühl in mir, dass meine Flucht nicht umsonst gewesen war. Ein Gefühl, dass dieses andere, unschöne Gefühl der Nutzlosigkeit zum Schweigen brachte.

Endlich konnte ich wieder an meiner beruflichen Zukunft arbeiten und Neues lernen

Auch habe ich vieles gelernt, das weit über die Gastronomie hinausreicht und mir in verschiedenen Situationen in meinem weiteren Leben behilflich sein wird.
Zum einen, war es das erste Mal, dass ich deutsche Kontakte außerhalb meines Betreuerkreises geknüpft und viel über die deutsche Kultur gelernt habe. Ich weiß jetzt, auf welches Benehmen hier in Deutschland Wert gelegt wird und wie ich mich im Alltag verhalten soll. Nicht alles davon habe ich so zuvor umgesetzt. Nicht aus Respektlosigkeit oder Provokation, sondern einfach, weil ich es nicht besser wusste. Werte, Normen und Richtlinien variieren von Kultur zu Kultur und so gibt es zwischen Deutschland und vielen afrikanischen oder asiatischen Ländern große Unterschiede.

Zum anderen habe ich gelernt, wie man sich in eine interkulturelle und diverse Gesellschaft integriert. Während meiner Zeit bei Turning Tables habe ich so viele Leute aus unterschiedlichen Ländern kennengelernt, so viele Geschichten gehört und so viel über andere Kulturen gelernt.

Anstatt mich immer nur mit den Afghanen aus meiner Unterkunft zu umgeben, habe ich mich geöffnet und am eigenen Körper erfahren, wie viel schöner es ist, in einer bunt-gemischten Gesellschaft zu leben.

Das gleiche kann ich jetzt bei meiner Ausbildung bei Feinkost Käfer tun, bei der ich mit vielen Menschen aus verschiedenen Ländern zu tun hab.

Die Menschen, die ich bei Step-IN kennenlernte, sind eine bunte Mischung wundervoller Menschen

Herzlichen Dank an unsere Sponsoren, die UNO-Flüchtlingshilfe, die PIMCO foundation und das Münchner Beschäftigungs- und Qualifizierungsprogramm (MBQ) des Referats für Arbeit der Landeshauptstadt, die das Step-IN Programm ermöglicht haben.

turningtablesproject

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