Turning Tables
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Kapitel 3: Höhen und Tiefen

Mein Lieblingsmoment

Während meiner Zeit bei Turning Tables habe ich so viele tolle Augenblicke erlebt, dass ich meinen Freunden und meiner Familie noch immer davon erzähle. Doch mein persönliches Highlight war die Übergabe der Zertifikate an unserem letzten Tag des Kurses, bei der ich eine tolle Überraschung erlebte.

Ich, bei der Zertifikat-Zeremonie bei der Abschlussfeier des Step-IN Programms

Als mein Name aufgerufen wurde, übergab mir Turning Tables Gründerin Amy Philippen nicht nur mein Zertifikat, sondern auch einen kleinen, goldenen Pokal. Er hatte die Form eines Kochs und meinen Namen eingraviert! Unter allen Teilnehmern hatte ich die meisten Sterne gesammelt, die wir durch Anwesenheit und gemachte Hausaufgaben bekommen konnten. Darum wurde ich als „Star-Teilnehmer“ gekrönt. Es war das erste Mal seit dem ich in Deutschland war, dass ich als „Bester“ für irgendetwas bezeichnet wurde.

Jetzt steht der Pokal an meinem Fenster, gleich neben meinem Bett. Jeden Morgen, wenn ich aufstehe, ist er das erste was ich sehe, und ich freue mich noch immer darüber.

So sieht mein Pokal aus

Meine Herausforderungen

Neben all den vielen schönen Momenten bei Step-IN, gab es natürlich auch einige weniger schöne Momente. Meine Arbeitsgenehmigung zu bekommen, war einer davon. Es war die größte Herausforderung, die sich mir während der gesamten Zeit auftat.
Zu dem Zeitpunkt, als ich mich für die Genehmigung bewarb, hatte ich meinen Vertrag mit Feinkost Käfer schon fest in der Tasche. Ich wollte mich bei ihnen ausbilden lassen und sie wollten mich. Beide Seiten sahen einem schnellen Ausbildungsbeginn entgegen. Doch dazu musste erst einmal die Genehmigung her.
Glücklicherweise wusste ich durch Turning Tables schon im voraus, welche Papiere und Dokumente ich besorgen musste. Somit konnte ich einiges vorbereiten, das den Prozess beschleunigte. Meine zuständige Behörde hatte jedoch den Ruf, es Geflüchteten eher schwer zu machen. Und die Genehmigung eher selten freizugeben.

Trotz aller Vorbereitung fehlte mir ein Dokument, das ich nur in Afghanistan selbst bekommen konnte. Ich bat meinen Bruder, es für mich abzuholen und es per Eilpost nach Deutschland zu schicken. Dabei passierte etwas Furchtbares. Auf dem Weg zum Amt ging eine Bombe hoch, die meinen Bruder erwischte. Er wurde schwer verletzt und musste ins Krankenhaus, wo er einige Tage bleiben musste. Für eine Zeit lang war es ungewiss, ob er überleben würde oder nicht.

Ich glaube, ich habe mich noch nie so schlecht gefühlt in meinem Leben. Zu wissen, dass mein eigener Bruder ums Leben hätte kommen können, nur um mir ein Papier zu besorgen, das mir half, mir ein neues Leben in einem anderen Land aufzubauen – dieser Gedanke fraß mich regelrecht von innen auf.

Doch er hatte großes Glück und es ging ihm schnell besser.
Ich gab das Dokument ab und wurde angewiesen zu warten.
Ich wartete. Und wartete. Und wartete.
Tage und Wochen vergingen. Die Ungewissheit war unerträglich.
Die Situation war brenzlig, denn die Ablehnung meines Antrags hätte ernsthafte Folgen mit sich bringen können. Im schlimmsten Fall sogar die Abschiebung zurück nach Afghanistan.

Ich wollte diese Ausbildung so sehr. Sie war die Chance, auf die ich seit Jahren gehofft hatte. Sie hatte das Potenzial, so vieles in meinem Leben zu verändern.

Nur dazusitzen und zu warten, nichts tun zu können außer zu hoffen, war ein großer Test meines Glaubens, Durchhaltevermögens und meiner Nerven. Ich weiß nicht, ob ich es verkraftet hätte, so nah am Ziel wieder abgewiesen zu werden.
Schließlich, nach über einem Monat, kam der Anruf.
Ich hatte die Genehmigung erhalten! Eine ganze LKW-Ladung an Steinen fiel von meinem Herzen.
So unschön diese Erfahrung auch war, so ließ sie mich noch deutlicher realisieren, wie wichtig diese Ausbildung für mich ist. Von nun an liegt der Erfolg in meinen eigenen Händen.

Und eines ist sicher: Ich werde alles dafür tun, diese Chance zu nutzen.

Meine Ziele

Von Anfang an war es mein Ziel, in einem Land zu leben, in dem ich mir ein sicheres Leben aufbauen kann. Jetzt bin ich in Deutschland und diesem Ziel dank meiner Ausbildung einen großen Schritt näher gekommen.
Ich will hier auf eigenen Beinen stehen und mein eigenes Geld verdienen. Morgens zur Arbeit gehen und abends erschöpft, aber glücklich ins Bett fallen. Wissen, dass sich alles gelohnt hat.
Nichts würde ich lieber tun, als hier meine eigene Familie zu gründen und Kinder zu haben. Für sie zu sorgen und ihnen ein sorgenfreies Leben zu bieten. Ich will hier bleiben, mein Deutsch verbessern, und mich so gut integrieren, dass ich ein fester Teil dieser Gesellschaft werde.

Für lange Zeit schienen all diese Ziele sehr weit weg, fast unerreichbar. Obwohl ich an einem sicheren Ort war, hatte ich das Gefühl festzustecken.
Das ist nun anders.

Eine Ausbildung zu haben, hat mir das Gefühl zurückgegeben, gebraucht zu werden. Neues zu lernen und mein eigenes Geld zu verdienen, gibt mir das Gefühl weiterzuwachsen und endlich anzufangen, auf eigenen Beinen zu stehen.

Und zu einem Vorstellungsgespräch bei einem so angesehenen Unternehmen wie Feinkost Käfer eingeladen zu werden, von ihnen respektiert, wertgeschätzt und ausgewählt zu werden, hat mir ein Gefühl gegeben, an das ich mich nicht einmal mehr erinnern konnte:
Stolz. Zum ersten Mal seit langer Zeit war ich wieder stolz auf mich selbst.

Jetzt schaue ich meiner Zukunft lachend entgegen

Herzlichen Dank an unsere Sponsoren, die UNO-Flüchtlingshilfe, die PIMCO foundation und das Münchner Beschäftigungs- und Qualifizierungsprogramm (MBQ) des Referats für Arbeit der Landeshauptstadt, die das Step-IN Programm ermöglicht haben.

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